Nachdem Hannah Arendt in Nazi-Deutschland verhört wurde, verließ sie es 1933 auf der Flucht, um schließlich in Paris zu landen. Ein Platz, der ihr durchaus gut gefiel, jedoch fand sie sich nur wenige Jahre später (1940) zusammen mit 2360 weiteren Frauen im Frauengefängnis wieder, das im Schatten des Eiffelturms im gläsernen Vélodrome D’Hiver eingerichtet wurde. 1941 gelang ihr dann die Flucht in die USA.
Dreigeteilt scheint ihr Leben, das neben der langjährigen Flucht, geprägt war von ihrer unermüdlichen Neugier, ihrem Ehrgeiz und einem großen Durst Dinge bis ins Detail zu verstehen, zu hinterfragen und darüber zu diskutieren. Ihre Lust am Diskurs brachte sie vielen anderen bekannten Denkern nahe, wie Walter Benjamin, Einstein und Heidegger (um nur einige wenige zu nennen).
Ken Krimsteins biografische Fiktion in Comicform basiert auf der Biografie von Elisabeth Young-Bruehl „Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit“ aus dem Jahr 1986 und erzählt von dem Leben der als Jahrhundertdenkerin in Erinnerung gebliebenen Arendt.
Zu … alles
Als ich mich vor einigen Jahren mit einer Einführung in die Philosophie beschäftigte, erfuhr ich erstmals davon, dass Hannah Arendt in Hannover geboren wurde (ich lebe selbst in dieser Stadt). Mein Interesse für die Denkerin und Philosophin war geweckt und so kam mir diese deutsche Übersetzung der im Original in den USA erschienenen Graphic Novel gerade recht. Ich wollte endlich mehr über Arendt erfahren. Jetzt im Nachhinein kann ich sagen, dass Ken Krimsteins Comicumsetzung bei meinem Vorhaben Erfolg hatte.
Mit Ausnahme der Protagonistin, die stets ein grünes Kleidungsstück trägt, belässt Krimstein es im gesamten Band bei schwarz-weißen Zeichnungen. Er schraffiert viel, bleibt vielerorts bei einfachen Skizzen und akzentuiert eher durch unterschiedlichste Panelaufteilungen, Spielen beim Lettering und gehaltvolle Texte.
Krimstein spart Arendts Liebesbeziehungen nicht aus, diese ziehen sich eher wie ein roter Faden durch das gesamte Buch. Und auch in der Schilderung dieser zeigt sich, wie schlau und tiefgründig diese Frau war. Bisweilen blitzt in der anspruchsvollen Story ein feiner spitzer Humor durch und lockert manch textlastige Stelle auf. Trotzdem bleibt die Geschichte sich selbst treu und entspricht zu großen Teilen dem leicht störrisch wirkenden Gesichtsausdruck Arendts. Ein nicht ganz einfaches Werk, nicht wirklich locker geschrieben, aber genau deshalb ein so guter Abriss des Lebens dieser bemerkenswerten Frau. Sie war mit vielen Dingen, die sie tat, dachte und sagte sehr früh dran. Zu früh könnte man denken, wie auch die einleitenden Worte „zur Einführung in eine Lebensgeschichte“ es sagen.
Wer einen Einstieg in das Werk und Leben Hannah Arendts sucht und zudem eine gut aufbereitete Version schätzt, trifft mit dieser Graphic Novel eine gute Wahl. Manchmal sprach sie mir aus dem Herzen, wenn sie rebellierte, grübelte und diskutierte. Manchmal auch nicht. Diesen Diskurs mit mir mochte ich.
Anzeige
2 Comments
Nadine
23. Mai 2020 at 20:43Mir hat Hannah Arendts Biografie in Form eines Comics auch sehr gut gefallen. Schön geschriebene Rezension. Ich hatte damals keine geschrieben, weil ich nicht die richtigen Worte gefunden habe, konnte auch nicht so gut wie du den Zeichenstil beschreiben. Ich fand das Tempo sehr flott, wobei ich mich gefragt habe, ob eine Person, die sich noch gar nicht mit ihr befast hat, es überschaubar ist.
Liebe Grüße
Nadine
booknapping
24. Mai 2020 at 12:20Hallo Nadine
und lieben Dank für deine Worte, ein sehr wertvolles Feedback für mich :-)
Ich habe das Tempo nicht als so flott empfunden, kann aber vielleicht auch daran liegen, dass ich den Comic nicht in einem Rutsch gelesen hatte. Mit dem Inhalt kam ich gut klar, vermutlich hätte ich aber noch mehr daraus ziehen können, wenn ich mehr Vorkenntnisse gehabt hätte.
Hattest du dich zuvor mit Hannah Arendt beschäftigt?
Liebe Grüße
Sandra
Mit Absenden deines Kommentars akzeptierst du meine Datenschutzbestimmungen.